Die Proportion der Proportion – Fechner zum Goldenen Schnitt

Hermann Kalkofen

Abstract


Es geht um eine ästhetisch-psychologische Kontroverse zwischen dem Experimentalpsychologen G. T. Fechner einerseits und dem Bernburger Gymnasialprofessor und Philosophen A. Zeising andererseits bezüglich der Tragweite und Generalisierbarkeit des schon seit der Antike bekannten Goldenen Schnitts. Zeising hatte in seinerzeit viel beachteten Publikationen den Goldenen Schnitt als ein morphologisches Grundprinzip der Ästhetik angesehen und durch Beispiele aus verschiedenen Bereichen der Kunst (Raffaels "Sixtinische Madonna" in der Malerei, Statuen des Parthenon in der Bildhauerei) zu untermauern versucht. Dieser Auffassung hielt Fechner in einer eigenen Publikation zum Goldenen Schnitt entgegen, er habe (im Sinne einer "Ästhetik von unten") bei exakten Messungen an einer Madonna von Holbein, die oft mit derjenigen von Raffael verglichen würde, keine Belege für den Goldenen Schnitt gefunden (wofür Tabellen mit Zahlenwerten vorgelegt werden). Nach Fechner habe der Goldene Schnitt nur Gültigkeit auf "niederem ästhetischem Gebiet", etwa bei Buch- und Druckformaten, Visitenkarten oder Schokoladentafeln. Dennoch halte er Zeisings Beitrag zur Geschichte der Ästhetik für bedeutend, auch wenn dessen Annahmen zur Bedeutung des Goldenen Schnitts eingeschränkt werden müssten.

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ISSN: 0177252X | ZPID • Leibniz Institut